6 Monate vegan – Gedanken

Ich war schon einige Zeit Vegetarier.

Aß kein Fleisch, dafür Fisch, Käse und Eier. Ich erinnere mich noch heute daran, wie ich im Frühling 2013 am Herd stand. Keine Verabredungen, keine Verpflichtungen. Nur ein ruhiger Ostersonntag zuhause. Ich war Single und niemand wartete auf mich. Also beschloss ich, mich mit meinem Salatteller an den Schreibtisch zu setzen und mir auf YouTube irgendwas mit „ganzer Film deutsch“ anzusehen. Ich hatte Lust auf Dokumentarfilme über die Nahrungsmittelindustrie. Global oder auch nur in Amerika. Mir gleich, ich wollte wissen, wie erfolgreich die Lobbyarbeit der verschiedenen Lebensmittelkonzerne war.

Also sah ich mir zwei Filme und eine Doku über die Verkaufsstrategien der großen Lebensmittelkonzerne, Massentierhaltung und Fast Food-Industrien an. Was darauf folgte? Vegetarismus. Für die nächsten 2 Jahre.

Im Laufe der Zeit ist mir eine Äußerung zu meiner pflanzlichen Ernährung besonders hängen geblieben. „Auf Fleisch verzichten ja, aber auf KÄSE?!! Never! Nie im Leben könnte ich auf Käse verzichten. Da würd ich nicht aushalten.“

Der Denkfehler in dieser Aussage ist, dass man das nur sagt, wenn man Fleisch und Käse isst. Und wenn keine Dokus über die Milch- und Fleischindustrie gesehen hast. Denn, wenn du das gesehen hast, vergeht dir buchstäblich der Appetit auf Käse, Fleisch und auf Eier. Die Frage stellt sich dir gar nicht. Und du wirst Käse nicht vermissen. Genauso wenig, wie du deine Hass-Gerichte aus Kindertagen vermisst. Pelle auf warmer Milch. Bratkartoffeln mit Leberwurst oder Obstsalat mit Rosinen und Walnüssen. Ihh.

Nach diesem Wochenende wurde ich also Vegetarier. Gleich Veganer zu werden, war mir zu krass. Das wäre gleich zu viel für den Anfang. Erstmal vegetarisch testen und dann weitersehen.

Ich empfand mich nie als expressionistisch, aber offiziell vegetarisch zu sein, erschien mir auch wie ein politisches Statement. Ich würde doch tatsächlich eine Aussage treffen. Ein Statement abgeben.

Es fiel mir leicht, kein Fleisch zu essen. In den 2 1/2 Jahren hatte ich aber zwei Momente, in denen ich mir einen Burger bestellte, aber beide Male wurden meine Erwartungen enttäuscht. Es schmeckte nicht mehr.

Ich war also auf diesem Festival am Strand, suchte mir einen großen Felsen, auf dem ich sitzen konnte und hatte den Burger in der Hand. Freudig und gespannt zugleich. Wie es wohl ist, jetzt wieder Fleisch zu essen? Nach so langer Zeit? Ich erinnere mich genau: Da war dieser Moment, als ich in den Burger biss, die ultimative Geschmacksexplosion erwartete und sie nicht eintraf. Dieser Moment, als ich noch mal reinbiss und dachte, es käme dieser alte vertraute Gedanke, dass man doch wieder Fleisch essen will und wird, weil’s doch so gut schmeckt und ach was solls. Aber nein, nichts.

Wer schon mal in seinem Leben geraucht, es aufgegeben und wieder angefangen hat, weiß was jetzt kommt. Nach sagen wir mal 3-4 Wochen Nichtrauchen, steckst du dir wieder eine Zigarette an. Aus Gründen. Welche sind ja auch völlig egal. Man ist süchtig, da kann schon der erste Sonnenstrahl im Frühling ausreichen. Naja auf jeden Fall steckst du sie an und erwartest den selben Geschmack wie bei deiner letzten Zigarette. Bevor du aufgehört hast. Dabei hast du eine klare Vorstellung von dem was kommen soll: Geschmack und Befriedigung. Es ist eine wohlige Erinnerung. Du erwartet die ultimative Befriedigung und einen tiefen glücklichen Seufzer, der aus dir rauspurzelt, nachdem du gezogen hast.
Leider sieht die Realität ganz anders aus. Man zieht an der Zigarette und sie kratzt. Der Rauch geht auch nicht so tief in die Lunge, wie sonst. Es fühlt sich nicht gut an in der Lunge. Sie schmeckt auch irgendwie nicht so gut. Du erinnerst dich direkt an deine 1. Zigarette. Vielleicht hast du sie aus der Hausbar deines Vaters gestohlen und mit der Freundin heimlich im Keller angezündet. War es eine West? Oder doch HB?

Zurück zu meinem Vergleich zwischen Strand-Erlebnis und der ersten Zigarette nach 4-wöchiger Abstinenz. Sie schmeckt zwar nicht, kratzt und du merkst auf einmal, dass sie „riecht“ und by the way nicht sehr gut, aber du rauchst weiter. Und tatsächlich dauert es nicht lange, bis sich der Körper wieder daran gewöhnt hat und du die halbe Schachtel am Tag locker wegrauchen kannst.

So fühlte ich mich auch im Sommer 2014 als ich auf einem Festival an der Ostsee einen saftigen, mit frischem Salat belegten Bio-Burger vom Food-Truck in der Hand hielt und mit hoher Erwartung reinbiss. War leider nicht mehr so geil. Ich habe mit dem Rauchen aufgehört und ich habe mit dem Fleischverzehr aufgehört. Beides irgendwie schwer und doch einfacher als gedacht. Und die Erde dreht sich weiter.

Ich habe Fleisch nicht mehr „vermisst“. Der „Burger-am-Strand-„Moment hat mir gezeigt, dass sich einige Gewohnheiten lange halten können, ich aber in der Lage bin, neue zu schaffen. Ich habe neue Marker in meinem Kopf eingepflanzt. Unbewusst. Marker, die mir die Befriedigung am Rauchen und Fleischessen blockieren. Es ist nicht mehr dasselbe wie früher. Die Bilder von den Mastanlagen, den Angestellten in Großschlachtereien, die männlichen Kälbern noch mit voller Kraft auf den Kopf treten, die rohe Gewalt und der Sadismus, der offen gelebt wird, setzt sich einfach fest. Fleisch schmeckt mir nicht mehr. Ich habe erkannt, was es bedeutet hat, dass es hier bei meinem Edeka ums Eck für 2,19€ liegt.
Dabei macht es auch keinen Unterschied, ob es Bio ist oder nicht. Ich habe früher immer gesagt, dass ich, wenn möglich, nur Bio-Fleisch kaufe. Der Gedanke dahinter ist, dass es ja dann nicht so schlimm ist. Ist ja Bio. Und ja bei Biofleisch dürfen keine Antibiotika im Futter eingesetzt werden, die Schweine, Rinder und Hühner bekommen etwas mehr Platz in den Gehegen zugesprochen und sie müssen Zugang zu Frischluft und Wasser haben, aber das heißt nicht, dass sie auf die Wiese dürfen. Wir Verbraucher denken bei Bio doch nicht an Mindestzugaben von Bio-Zutaten in Futtermischungen, damit es für das Bio-Siegel reicht oder dass ein Mastbulle bei Bio-Haltung ganze 3qm für sich beanspruchen darf, statt nur 2,4qm, wie in konventionellen Betrieben. Wir denken an eine innere Überzeugung beim Bauern. Und Haltungsbedingungen. An Wiesen. Allgäu, Berge und Sonne und einen alten zerknitterten Bauern, der seiner Milchkuh einen Namen gibt. Mit diesen Bildern im Kopf arbeitet die Lebensmittelindustrie.
Es sind dieselben Schlachtereien, dieselben Mastanlagen. In Bio-Massentierhaltung werden die Schweine und Rinder genauso zur Schlachtbank geführt, wie in jeder anderen Schlachterei auch. Und auch im selben Tempo.

Was man sich dabei vor Augen führen muss, sind die unvorstellbaren Mengen Fleisch, die produziert werden, um den Edeka, Aldi, Lidl, Kaisers, den Fleischer, den Rewe und noch den ÖzGida um die Ecke zu beliefern. Und das in nur einem Kiez. Jetzt kann man selbst hochrechnen: Wieviel Fleisch wird für eine ganze Stadt oder ein ganzes Bundesland benötigt? Wieviel für Berlin/Brandenburg, Hessen, Thüringen, Baden-Württemberg, Bayern und all die anderen Bundesländer? Es muss immer Ware in den Kühltruhen liegen. Oder hast du schon mal eine leere Kühltruhe gesehen, nur weil du Mittwochabend um 19:47 Uhr noch schnell in den Kaisers reingehüpft bist. Eben noch was für’s Abendbrot holen? Nie oder? Ich auch nicht.

Dieses Wissen um die Tierhaltung ist wie eine Tür. Einmal durch, kannst du es nicht mehr rückgängig machen. Und deswegen „vermisse“ ich Fleisch auch nicht.

Viele, mit denen ich seitdem über Vegetarismus gesprochen habe, meinten zu mir, „…dass man sich ja solche Dokus über Schlachtereien auch nicht anguckt!“ In den Augen sehe ich dann immer das Mitgefühl, dass sie für die Tiere haben. Es ist da. Ganz normal. Warum auch nicht? Aber deswegen guckt man sich ja sowas auch nicht an. Weil einem die Tiere dann leid tun.

Von jemandem, der heutzutage unreflektiert konsumiert, erwartet niemand eine Erklärung. Schon gar nicht eine schlüssige. „Fleischkonsum hat die Menschheit vorangebracht. War für die Evolution des Menschen tragender Bestandteil. Die Menschen konnten sich weiterentwickeln.“ Als Vegetarierin oder Veganerin hast du das Gefühl, mi Statistiken und wissenschaftlichen Artikeln rumlaufen zu müssen, um potentielle Fragen hieb und stichfest beantworten zu können.

Ich schließe gar nicht aus, dass der Verzehr von rotem Fleisch für ein größeres Hirn gesorgt und damit den Intellekt der Menschen vorangetrieben hat. Oder das irgendwelche Bauern aus dem soundsovielten Jahrhundert Fleisch dringend zum Überleben brauchten. Aber das war vor tausenden Jahren. Das hat mit dem modernen Menschen, den High-Tech Lebensmitteln und dem maßlosen Konsum von heute überhaupt nichts mehr zu tun. Heute habe ich die Wahl. Auch wenn Menschen schon immer Fleisch gegessen haben, bin ich doch heute in der Lage mich anders zu entscheiden. Auf vielen Veggie-Webseiten liest man dazu immer, dass  sich Menschen auch seit Jahrhunderten brutal selbst zerstören, plündern, morden und sonst was. Nur weil das schon immer so ist, heißt das ja nicht, dass es deswegen moralisch und ethisch ok ist.  Und wir es weiterhin tun sollten.

Heute wissen wir, das unser Organismus ganz wunderbar ohne Fleisch und Milch auskommt. Wir können essen was wir wollen, es gibt genug. Mit dem Neandertaler, der dringend rotes Fleisch braucht, habe ich, moderne Frau im Jahre 2016 doch nichts mehr zu tun?! Ich habe Zugang zu Hülsenfrüchten, Obst, Gemüse, Getreide und Wasser. Alles Nahrungsmittel, mit denen ich mich gesund und vollwertig ernähren kann. Ich kann vor allen Dingen gesund sein, ohne Fleisch. Und alt werden. Und Kinder kriegen. Und ’ne Krankheit überstehen. Ich bin ein moderner gesunder Mensch der Neuzeit. Ich brauche kein Fleisch.

Seit fast 6 Monaten ernähre ich mich vegan. Ich habe aufgehört Fisch, Käse und Eier zu essen. Fleisch sowieso. Ist klar. Wieder war ich allein zuhause. Es war spät abends, gegen 23 Uhr. Ich lag am Wochenende im Bett und konnte nicht schlafen. Ich musste nicht früh aufstehen oder zur Arbeit. Ich checkte den Facebook Stream und sah einen Beitrag von PETA Deutschland. Sie posteten ein Video von Schlachthausbedingungen und blendeten ein Zitat von Paul McCartney ein, der sagte: „Wenn Schlachthäuser Wände aus Glas hätten, wäre jeder Vegetarier.

Der Gedanke vegan zu leben, ging mir schon vorher durch den Kopf, nur schob ich ihn immer weg, weil er mir zu anstrengend wirkte. Ob ich das schaffen würde? Ich liebe doch Käse!! Naja, ich klickte mich also durch die Video Playlist im PETA YouTube Channel und sah mir ein Video nach dem nächsten an. Und dann war es soweit. Vegetarismus fiel mir leicht. Veganismus muss auch zu schaffen sein. Wenigstens probieren.

In den darauffolgenden Wochen las ich zig Berichte, Reportagen, klickte mich durch Webseiten, Rezeptbücher, Vereine und bestellte ein Buch, dass sich mit Veganismus beschäftigte. Gleichzeitig bekam ich ein Buch zu diesem Thema geschenkt und las das auch noch. Und umso mehr ich mich informierte, desto weniger abschreckend und schwer wirkte es, Veganer zu sein.

Irgendwann, da war ich schon seit einigen Wochen offiziell Veganerin, war bei meinem Freund und las in einem Heft. Es war eins dieser Magazine, die in Bioläden ausliegen. In dem Heft drehten sich viele Texte nicht nur um Vegetarismus, sondern auch um Veganismus. Und ein Artikel blieb mir besonders in Erinnerung. Denn ich war und bin bis heute die einzige Veganerin in meinem Freundeskreis. Ich kann mich also mit niemandem dazu austauschen. Ich muss die Reise selbst antreten. Bis zu welchem Punkt geh ich mit und ab wann sag ich stop? Mich beschäftigten Fragen wie „Muss ich meine Leder Boots wegschmeißen? Wie schnell muss ich die Ernährungsumstellung „perfekt“ beherrschen? Muss ich jetzt wie ein wandelndes Lexikon alle Fragen aus dem Stehgreif beantworten können, sollte ich in einen Omnivore vs. Vegan Diskurs geraten? Was genau gehört zum veganen Lebensstil?

Ein Artikel half mir Antworten auf meine Fragen zu finden.  Er nahm die Last von meinen Schultern. Stellte klar, dass jeder Veganer seinen eigenen Weg finden muss. Was ich mit meinen Lederschuhen anstellen will, muss ich mir selbst überlegen. Es gibt keinen 10-Punkte Plan, den man machen muss, damit man sich offiziell vegan nennen darf. Die Grenzen des veganen Alltags muss ich selbst festlegen. Hab ich ein Problem mit roter Farbe aus Schildläusen? Mit Bienen? Bin ich vegan in meiner Ernährung oder kaufe ich mir auch veganes Make-Up, Klamotten, Schuhe… Wird auch mein Haushalt vegan?

Das alles obliegt mir. Wie weit ich gehe, kann mir niemand vorschreiben. Ich lege es selbst fest. Das hat ehrlicherweise eine Weile gedauert. Komischerweise erwarten die Leute von Veganern, dass sie von jetzt auf gleich alles zu 100% machen. Richtig machen. Und sind dabei strenger zu ihnen, als zu sich selbst. Das der Umstieg auf Veganismus ein Prozess ist, wird dabei übersehen.

Jetzt nach einigen Monaten habe ich meine Antworten gefunden. Ich kaufe bewusst keinen Honig und keine Klamotten mit Wolle. Ich behalte meine Daunendecke und Lederschuhe. Kaufe aber keine neuen. Ich ernähre, pflege und schminke mich vegan und tierversuchsfrei. Mir geht es um das Tierleid in den Schlachthäusern, den Überkonsum von Fleisch und Tierprodukten, der Umweltzerstörung durch die Massentierhaltung. Ich möchte mich daran nicht beteiligen. Und ich möchte gesünder leben.
Und dass ich niemanden überreden kann, es mir gleich zu tun, hab ich spätestens dann gelernt, als ich mit dem Rauchen aufgehört habe. Das sind so Dinge, die jeder für sich selbst entscheiden muss. Da kann dir niemand reinquatschen und Wunder erwarten.

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